Unser heutiges Problem scheint darin zu be-stehen, dass wir nicht nur für die Zukunft, sondern auch für das ganz konkrete ›Jetzt‹, für die rasend schnellen Veränderungen der Welt, noch keine passenden Erzählformen haben. Es fehlt uns die Sprache, es fehlen Sichtweisen, Metaphern, Mythen und neue Märchen.

Olga Tokarczuk: Der liebevolle Erzähler (2020)

Das Drama des ländlichen Raums: Welche Erzählungen brauchen wir dringend?

Der ländliche Raum wird nicht erst seit gestern zubetoniert, ausgeräumt, monokultiviert. Energie- oder agroindustrielle Landschaften haben alte Kulturlandschaften abgelöst. Vieles stößt dort schon längst an seine ökonomischen, sozialen und ökologischen Grenzen. Und nimmt durch den Klimawandel noch mal richtig an Fahrt auf. Das Anthropozän, das entstand also auch bei uns, auf dem europäischen Land. Doch wer kann davon erzählen?

Was wir brauchen, ist eine neue Literatur der Ländlichkeit und Dörflichkeit, ein neues »Rural Writing«: Kenntnisreiche Texte voller Atmosphäre, die uns in die dramatischen Entwicklungen auf dem Land, in den Dörfern eintauchen lassen – wozu auch der enorme, zunehmende finanzielle und psychische Druck gehört, dem die Landwirte und Landwirtinnen ausgesetzt sind. Gerade die Literatur könnte bewegende Stories über diese Umwälzungen bringen. Sie könnte detaillierte Einblicke ermöglichen, um ein besseres Verständnis dessen zu fördern, was in diesen oft marginalisierten Gebieten vor sich geht. Doch trotz des vielfach konstatierten und auch schon umfassend untersuchten Booms der neuen Land- und Dorfromane (bei dem vorerst kein Ende abzusehen ist) fällt auf:  Nicht wenige Texte scheitern daran, ein facettenreiches, adäquates Bild dieser ländlich-dörflichen Welt im Umbruch zu zeichnen.

Was aus unserer Sicht gelungene literarische Darstellungen von weniger gelungenen unterscheidet, das versuchen wir an Beispielen aus der Gegenwartsliteratur aufzuzeigen. Unsere Analysen verorten wir an der der interdisziplinären Schnittstelle von Geographie und Literaturwissenschaft. Dabei kristallisiert sich ein Ansatz heraus, den wir unter anderem in Anlehnung an den Ecocriticism spezifischer als »Rural Criticism« bezeichnen und weiterentwickeln möchten.

Ausführliche Version: „Rural Criticism. Oder: Welche Erzählungen über das Drama des ländlichen Raums brauchen wir dringend? Ein Plädoyer“. In: Gutes Leben auf dem Land? Imaginationen und Projektionen. Hrsg. von Werner Nell und Marc Weiland. Bielefeld: Transcript (soeben erschienen, Januar 2021).

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